"Chinese breath", 2011, 160x200cm, Acryl auf Leinwand
The works of Christoph Mayer reflect a complexity that is based on the restless confrontation with the modus operandi (the way of action and implementation), the constant questioning of the modus procedendi (the way of the procedure) and, not least from the precarious sense of the Modus Vivendi (the way - to live- with something ). The creative act itself is discussed, questioned, betrayed, which gives the work both transparency and hermetic. An apparent paradox which is not least due to the complex tensions, the multifaceted processes of transformation in the work of Christoph Mayer.
Modus operandi, procedendi, vivendi, ... (Raymond Miles)
Zum Malakt tritt mitunter die Wut, wie zum Bild die Illusion. Nistet sich letztere im Schaffensprozess ein, wird dieser madig, setzen sich Perspektive, Phantasie und Psyche des Künstlers im Werk fest, bedarf es kompromissloser Katharsis, der affektiven Abkehr wie auch der analytischen Axt, mit aller Schärfe und Kraft des Habitus-Henkers. Ob kulturtypische Assoziationen und Analogien, ob kunsttheoretische Rezeptions- und damit auch Produktionsansätze, ob die persönlichen psychischen Prägungen sowie ästhetischen Parameter – die verinnerlichten Muster werden decouvriert statt durchdekliniert und womöglich paralysiert, um versteckte Intention, vertrackte Perzeption und verdammte Fiktion, im Sinne mangelnder Referenz, sowie nicht zuletzt den Schaffensprozess selbst freizulegen. Mit letzterem wurden von Christoph Mayer der Modus Operandi (die Art des Handelns und Durchführens), der Modus Procedendi (die Art und Weise des Verfahrens) und auch der Modus Vivendi (die Art – mit etwas – zu leben) seiner selbst in den Mittelpunkt gerückt.
In den vergangenen drei Jahren hat Christoph Mayer seine Tafelbilder abgehängt und gehäutet. Die Leinwände abgezogen, aufgerollt, gefaltet, auch zerschnitten, zerrissen, zerfetzt, in die Rahmen gesägt, geritzt, gebohrt. Die Bruchstücke wurden arrangiert, getackert, gespickt, gepickt, ... zum Vorschein kam das Objekt als solches. Durch dessen Herausreißen aus, Absetzen vom und erneutem Auftauchen im Kontext geriet das Fragmentarische von Wahrnehmung und Sinn zur Verdeutlichung. Mit den Bildern wurden das Selbstreferenzielle der Kunst wie auch die Selbstlügen des Künstlers seziert. Der Obduktion der „schönen Leich“ folgte deren Aufbahrung, in einer Art Museum der künstlerischen Anatomie, das nebenbei die Anatomie des Museums preisgibt. Statt auf gefällige Mumifizierung, einbalsamierte Veräußerungen individueller und kollektiver Ästhetik zu setzen, beließ es Christoph Mayer beim Kadaver, wenngleich platziert. „Die abgezogenen Häute hing ich an die Wand, traurigen Trophäen gleich“, so der Künstler. Andere blieben am Boden, bar jeder Prominenz und vermeintlichen Repräsentation.
Einher mit dem Zerlegen des Tafelbildes im wörtlichsten Sinne ging ein Absehen von der narrativen oder symbolischen Repräsentation, ein Brechen mit der Fiktion, das intendierte Zerstören jedweder Illusion. Zwar oft beschworen, gelingt letzteres in der Kunst kaum, ist deren Rezeption die Projektion doch inhärent. Daher beließ es Christoph Mayer nicht bei der ebenso oft herbeizitierten Dekonstruktion als intellektualistischer Spurensuche im Irrlichtern von Signifikant und Signifikat, beim Wechselspiel von formal-synthetischer und materiell-synthetischer Aussage, sondern verstand diese handfest und trieb sie ins Konkrete. Eine Vernichtung der manifesten Gestalt, um die immanenten Bedingungen und intentionalen Wurzeln des Schaffens freizulegen, wenngleich in erneutem Arrangement – auch mit der Wirkung und Wahrnehmung, doch diesmal des Dinges an sich. Zerstörung ohne wenn und aber in Annäherung an das Gegenständliche.
„In Abkehr vom Bild als illusionistischem Fenster verstand ich die Leinwand als Haut, haptisch und mit eigenem Charakter, eben als Objekt, genauso auch den Rahmen oder andere Gegenstände im Atelier. So war ich mehr als Bildhauer, denn als Maler am Werk. Am Ende des Prozesses, man kann auch sagen der Prozedur, standen Arrangements, die mitunter mit dem Begriff der Installation belegt, gerne mit ihm gefasst werden.“
Dem Bildhauer, -zerleger, -zerstörer folgte der geläuterte Maler, womit wir zu den neuesten Werken gelangen. Diese dokumentieren den permanenten Prozess von De- und Rekonstruktion, reflektieren ihr Entstehen und entschleiern die Werkgenese genauso, wie sie sich schlüssiger Interpretation von Ikonologie und Inszenierung entziehen. Bei aller ästhetischen Reduktion zeigen sich die Bilder polysynthetisch und polysemantisch, legt sich bei wiederholtem Betrachten eine Schicht nach der anderen frei, um in nächsten Augenblick erneut in synthetischer Schau zu verschwinden. In den Werken spiegelt sich eine Komplexität, die aus der ruhelosen Auseinandersetzung mit dem Modus Operandi, dem ständigen Infragestellen des Modus Procedendi und nicht zuletzt aus dem prekären Bewusstsein des Modus Vivendi rührt. Der gestalterische Akt selbst wird thematisiert, hinterfragt, hintergangen, was den Werken zugleich Transparenz und Hermetik verleiht. Ein scheinbares Paradoxon, das nicht zuletzt auf den vielschichtigen Spannungen, den facettenreichen Transformationsprozessen in den Arbeiten von Christoph Mayer beruht.
Das permanente Ausreizen, Verwerfen und Verfolgen führt gleichsam zu dreistufigen Schaffensperioden, die in fast regelmäßigem Rhythmus wiederkehren, wie der Künstler verrät. Und das in permanenter Intensivierung. In der ersten, der „konstruktiven“ Phase wird das Tafelbild zum Bedeutungsträger, wenngleich bereits bezweifelt, zum Labor und elaborierten Bearbeitung von Themen, die sich im Lebenskontext aufdrängen, „mit psychischer Säure gesättigt“, wie Christoph Mayer dazu anmerkt. In einer zunehmenden Dominanz verdeutlicht sich das Illusionistische für den Maler. „Die Fiktion wird mitunter präsenter als die Wirklichkeit, die Repräsentanz verdrängt das Gegenständliche, ich zweifle zunehmend an meiner Vorgehensweise und verliere schlussendlich die Lust.“ Es folgt die zweite, die Dekonstruktion als Transformationsphase. Die Themen und Inhalte kippen, es wird sich ihrer entledigt, die Leinwand wird entleert. In wachsender Radikalität, bis es an die Substanz geht. Keine Bildkomposition, kein Konzept, das Bild an sich wird zerschlagen, „es geht an die Gelenke, die Knochen“, so Christoph Mayer.
Was davon bleibt, sind besagte Arrangements von Fragmenten, „Trophäen einer Schlacht“. In schonungslosem Umgang mit dem Bildträger wird auch dessen physische Belastungsgrenze ausgelotet, reißt die Leinwand wie brüchige Haut, zerfällt der Rahmen nicht nur in übertragenem Sinne. Das Bild mutiert zum Objekt, Hinter- und Untergrund werden freigelegt. Der Schaffensprozess tritt in die dritte, die analytisch-rekonstruktive Phase. Die Aktionen werden zeichnerisch oder malerisch dokumentiert, es folgt die Rückkehr zum Tafelbild. „Der rekonvaleszente Maler reinkaniert“, wie Christoph Mayer ironisch kommentiert. Es scheinen gemahlte, farbbefleckte Rahmen unter gemahlten, zerschlissenen Leinwänden durch, Klarsichtfolien werden aquarelliert, Innendispersion begegnet der Acrylwand. Bildauflösungen in doppeltem Sinne, Werkimmanenz mit doppeltem Boden. Der kreativen Selbstzerfleischung folgen die Fliegen.
„Gemalt wird der Nachlass des Künstlers“, so Christoph Mayer. Die Tour de force startet fortan im Hier und Jetzt, in seinem Atelier. Psychodynamik und künstlerische Dekompensation treffen auf Eindrücke aus der unmittelbaren Arbeitsumgebung, eine Farbwalze auf die Grabmalzeichnung eines Dichters, der Abdruck einer Klopapierrolle entspinnt sich zum spiralförmigen Emblem. Die tief gründenden Transformationen, die Christoph Mayers Werk seit jeher auszeichnen, gewinnen verstärkt an Komplexität. Abgründige Bilderzählungen, absurde Kompositionen, analytische Schärfe gepaart mit reflexiver Kompromisslosigkeit eines Verhaltensforschers seiner selbst.
four stoves
Christoph Mayer 68
