AUSTRIAN PAVILION

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AUSTRIAN PAVILION, so der Ausstellungstitel, nennt sich auch eine Arbeit Christoph Mayers aus 2015, welche sich auf den Österreichischen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig im Allgemeinen und im Speziellen auf dessen Gestaltung durch Heimo Zobernig im selben Jahre bezieht. Zobernig hatte in den Bau von Josef Hoffmann und Robert Kramreiter aus dem Jahre 1934 zwei schwarze Ebenen eingezogen. Zum einen hatte er die Decke mit einer rund 288 Quadratmeter großen Platte abgehängt, wodurch unter anderem die dem historischen Stil zuzuordnenden Rundbögen Hoffmanns ausgeblendet wurden. Zum anderen hatte er den Steinboden mit einer die Decke wiederholenden Platte abgedeckt, alle Niveauunterschiede des Hauses nivelliert und die Stufen weit in den Gartenhof des Pavillons hineingezogen, wodurch eine Art Bühne entstand. Das so erzeugte „ruhige und minimalistische Bild (...) aus Natur und Architektur“[1], das unter anderem als ein „im Beschreiten erlebbarer skulpturaler Körper“[2] gedeutet wurde, erntete durchwegs positive Kritik. Unter anderem war von architektonischer Demokratisierung die Rede. Der österreichische Kommissär Yilmaz Dziewior auf der anlässlich der Biennale 2015 eingerichteten Website www.austrianpavilion.at zur Herangehensweise des Künstlers: „Nicht weniger als der konkrete Raum ist auch die Situation der Biennale selbst Ausgangspunkt für die Überlegungen von Heimo Zobernig. Wie lässt sich in einem Umfeld, das auf nationalstaatliche Repräsentation setzt und in dem die einzelnen Stimmen jeweils um die größte Aufmerksamkeit werben, ein angemessener Beitrag realisieren? Welche Effekte ergeben in einem solchen Zusammen­hang Sinn?“. Doch, was mag angemessen sein – als sinnvoller Effekt?

 

Christoph Mayer ließ sich vom Austrian Pavilion 2015 zu einer Entgegnung inspirieren und antwortete auf die räumliche Intervention Zobernigs, die in ihrer nüchternen Formensprache, dem hochgelobten Reduktionismus, auf eine nahezu perfekte Harmonie hinauslief, allein schon von der künstlerisch-technischen Herangehensweise her mit einem ironischen Bruch. Denn es ist so gut wie unmöglich, zumindest in Handarbeit, mit einer Heißklebepistole die auf geraden Linien beruhende Architektur der Moderne[3] exakt und gar noch maßstabsgetreu nachzubilden. Dennoch arrangierte Mayer die Plastikstränge unterschiedlichster Stärke zunächst entsprechend einer dreidimensionalen Visualisierung des Pavillons, um dessen Architektur nachzuempfinden. „Diese Annäherung als vorerst nüchterne Idee entwickelte sich mit Fortdauer zunehmend zu einem mehrere Stunden andauernden ekstatischen Arbeitsprozess mit ungewissem Ausgang“, wie der Künstler berichtet. Wenn man so will, könnte man auch dies als Replik auf die räumliche Intervention Zobernigs sehen, welche die Rezipienten des Austrian Pavilion 2015 in natura zu Introspektion und ästhetischem Genuss einlud, während sich Mayer bei der bloßen Miniatur auf einen Entgrenzungsprozess in doppeltem Sinne einließ. „Alsbald stülpte sich eine pilzförmige Wucherung in schmutzigem Weiß über den Pavillon und schien ihn nahezu zu verschlucken“, so der Künstler über den Fortgang der Heißklebearbeit.

 

Wie diese „Architekturwucherung“ zu deuten sei, lässt der Künstler offen. „Womöglich erkennt man in der Form aber eine Garnele“, wie er augenzwinkernd anmerkt. Gemahnt der Austrian Pavilion von Mayer in seiner klebrig wirkenden und als Heißklebearbeit per se höchst filigranen Konsistenz unter anderem an eine Brandruine, würde diese somit von einer gallertartigen Garnele umklammert, der wiederum ein ornamental gekröntes, einem Kubus ähnliches Gebilde aufsitzt. Nachdem Garnelen einen zylindrischen, seitlich leicht zusammengedrückten Körper mit dünner Schale besitzen und lediglich über zierliche Greiforgane, dafür aber über außerordentlich lange Antennen, sogenannte „Fühler“ verfügen, könnte man sich einen Reim darauf machen: Das Wesen skulpturaler Architektur ein Fabelwesen als vermeintlich seherisches Symboltier. Und die Kunst ein Gabelbissen?

    

 

AUSTRIAN PAVILION als Ausstellungstitel greift jedoch weit über die eine Arbeit von Christoph Mayer hinaus. So beschäftigte er sich etwa in letzter Zeit mit österreichischen Persönlichkeiten aus Kunst und Politik und daraus abgeleitet mit Persönlichkeitsstrukturen und Selbstentwürfen, insbesondere unter dem Gesichtspunkt des komplementären Verhältnisses von privatem und öffentlichem Leben. In der künstlerischen Auseinandersetzung mit der brüchigen Koexistenz und oft nahezu unerträglichen Divergenz zwischen persönlichem Selbstbild und öffentlichem Image, dem ebenso ordinären wie obskuren Sein und Schein, ist er auch ein Verhaltensforscher seiner selbst. Schließlich setzt sich der Künstler in seinen Werkblöcken stets auch mit den jeweiligen (Selbst-)Verstrickungen auseinander – ob im psychologisch-selbstreflexiven Sinne, ob in Hinblick auf produktions- und rezeptionsästhetische Implikationen oder auch in Bezug auf philosophisch-kulturhistorische Erwägungen. Die daraus resultierenden häufigen Ambiguitäten, markanten oder auch versteckten Bruchlinien und formalästhetischen wie auch semantischen Spannungsfelder machen mit den Reiz von Mayers Werken aus, die von der pointierten, knappen grafischen Geste bis hin zu komplexen Zeichen- und Bedeutungskarussellen reichen.   

 

Äußerst offen und abwechslungsreich zeigt sich das Œuvre Christoph Mayers auch in der Wahl der Materialien. Vlies-Tapeten, gedacht für die Verzierung der eigenen vier Wände – somit Insignien des Privaten, Persönlichen, Geschützten –  sind das Trägermaterial der neuesten Bilderserie von Christoph Mayer. Sie wurden vom Künstler übereinander geschichtet, gekleistert, geleimt, bevor er dann Streifen, Fetzen wieder herunterriss und an anderer Stelle, heißt auch in einer anderen als der ursprünglichen Aggregation wieder aufklebte. Collage und Décollage als transformatorischer Prozess von Versatzstücken, wobei Österreichische Geschichte, Tagespolitik, Biografisches sich teils überlagern, teils miteinander verschmelzen. Nach und nach verwandelt sich die Wohn-Tapete durch den künstlerischen Prozess in ihr Gegenteil, in ein öffentliches Schaustück, ein der Privatsphäre, der privaten Isolation entrissenes Plakat. Oder wie es der Künstler selbst treffend auf den Punkt bringt: „Inside out und outside in!“  

 

Das Wahrnehmen und Ausloten von Polaritäten ist ein zentraler Ausgangspunkt für die Arbeiten von Christoph Mayer und durchdringt diese häufig auch in deren bewusster Thematisierung, formalästhetisch gestalterisch wie auch vom virulenten Gehalt, einer spannungsgeladenen Semantik her gesehen. Gehört es für ihn zur Kunst im doppelten Sinne, Spannungsfelder zweier sich wechselseitig bedingenden Pole im jeweiligen Werk zunächst zu erzeugen, geht es ihm im zweiten Schritt um das Schaffen einer Art „dialogischen Schwebezustandes“. Etwa zwischen sich widersprechenden kunstästhetischen oder -theoretischen Standpunkten, deren Polarität und Kontradiktion es „auszuhalten und schöpferisch auszutragen“ gilt, wie der Künstler anmerkt.

 

Im Zusammenhang mit dem AUSTRIAN PAVILION kreierte Christoph Mayer die spiegelbildliche Formel „STATE OF THE ART – ART OF THE STATE“. Durch die sprachspielerische Umkehrung des englischen Phraseologismus – der sinngemäß als „der letzte Stand der Dinge“ (in Technik, Kunst etc.) übersetzt werden kann und womit oft auch ein Nonplusultra gemeint ist – wird nicht nur der Doppelsinn von STATE (als Status und Staat) in der ursprünglichen Redewendung plötzlich schlagend, wenn man so will auf recht ironische Weise, sondern wird auch ein Fragespiel hinsichtlich der Wechselbeziehung von Kunst und Staat und Status initiiert. Gibt es nicht nur staatliche Kunst, gibt es gar eine Art „Staat der Kunst“? Gab bzw. gibt es davon mehrere? Und wenn ja, in welchem leben, welchen proklamieren wir? Hat die Staatskunst auch etwas mit Kunst zu tun? Macht der Staat mit der Kunst zumeist nur gerne Staat? Welche Kunst eignet sich, welche wird bevorzugt, um Staat zu machen? ... Auch als Sprachspieler zeigt sich Mayer versiert und eröffnet hier Reflexionen auf etlichen Bedeutungsebenen. Offenbar sinniert er weniger über angemessene Beiträge als über zunächst unangemessen wirkende Fragen.

 

„Weiterentwickeln kann man sich nur, wenn man sich in etwas ziemlich verstrickt – also darin erst einmal tief verstrickt ist, wie man so schön sagt – und sich daraus unter gehöriger Anstrengung dann wieder befreit – eben entwickelt“, so der Künstler. AUSTRIAN PAVILION, die aktuelle Ausstellung in der Artothek in Krems kann in diesem Sinne als Pavillon der Verstrickungen, Umkehrungen und Verflechtungen verstanden werden. Lassen Sie sich verstricken – statt umgarnen!        (Raymond Miles)

 

 

 

 

 

 

 

[1] Anne Katrin Feßler: Keine Hierarchien vorm Parlament der Bäume. Auf: derstandart.at vom 06.05.2015, 17:36 Uhr

[2] ebda

[3]Noch bis 22. November kann man sich in den Giardini ein Bild davon machen, wie er [Heimo Zobernig] das Raumgefühl im Josef-Hoffmann-Pavillon verwandelt, wie er das Historistische zugunsten modernerer, an Mies van der Rohe erinnernder architektonischer Züge versteckt hat.“ aus: Anne Katrin Feßler: Raumkarosse mit Unendlichkeitseffekt. Auf: derstandart.at vom 12.11.2015, 05:30 Uhr