STATE OF THE HEART

Stellen Sie sich vor, Österreich wird zur Dialyse ans Mittelmehr geschickt. Und zwar der gesamte Staat, das leibhaftige Österreich. Stellen Sie sich also vor, wie dieses Fleckchen Erde mit einem einzigen Spatenstich ausgestochen ins Mittelmeer verfrachtet und sagen wir so zwischen Libyen und Griechenland platziert wird. Und dass die österreichische Ostküste, so müsste man das Burgenland dann bezeichnen, dem Gazastreifen gegenüberliegt, ja ihn gar berührt –  und im Süden schmiegen sich die Steiermark, Kärnten und Osttirol an das Nildelta. Eine wunderbare Vorstellung, so finde ich.


Vlies-Tapeten, gedacht für die Verzierung der eigenen vier Wände –  somit Insignien des Privaten, Persönlichen, Geschützten –  sind das Trägermaterial der neuesten Bilderserie von Christoph Mayer. Sie wurden vom Künstler übereinandergeschichtet, gekleistert, geleimt, bevor er dann Streifen, Fetzen wieder herunterriss und an anderer Stelle, in anderen Bildern aufklebte. Collage und Décollage als transformatorischer Prozess von Versatzstücken. Österreichische Geschichte, Tagespolitik, Biografisches verschmelzen miteinander. Nach und nach verwandelt sich die Wohn-Tapete dadurch in ihr Gegenteil, in ein öffentliches Schaustück, ein der privaten Isolation entrissenes Plakat. Inside out und outside in!

 

"Österreich-Melanom", so der Titel einer Arbeit, zeigt ein melanom-artiges Gebilde in unterschiedlichen Wachstumsphasen – bis letztendlich die Österreich-Form erkennbar wird. In der Diagnostik gilt die "ABCDE-Regel", welche für fünf Kriterien zur Erkennung eines malignen Melanoms steht. Treffen zwei der fünf zu, wird zu einer vorsorglichen Entfernung der gefährlichen Wucherung geraten. Zu den Erkennungsmerkmalen zählen zum Beispiel Asymmetrie, eine unregelmäßige, unebene Begrenzung und Erhabenheit, womit bereits drei Parallelen zur Form des österreichischen Staatsgebildes gegeben sind. Statt zu einer Entfernung rät Christoph Mayer jedoch zu einer Transplantation. Ein Verfrachten an nur scheinbar ferne Gestade.